Autor: Benedikt Junker · Fachlich geprüft von Prof. Dr. Limmroth
Wer NMN kauft, kauft ein weißes, geschmacksneutrales Pulver, dem man nicht ansieht, was es ist. Ob die Menge stimmt, die auf der Packung steht, lässt sich weder am Aussehen noch am Preis ablesen. Zwei Untersuchungen haben nachgemessen, eine davon unabhängig und begutachtet. Dieser Beitrag fasst zusammen, was sie gefunden haben und woran sich ein überprüfbarer Nachweis erkennen lässt.
Steckt in NMN-Produkten wirklich das drin, was auf dem Etikett steht?
Nicht durchgängig. In beiden bisher veröffentlichten Marktuntersuchungen lag ein erheblicher Teil der geprüften Produkte unter der deklarierten Menge, in einzelnen Fällen war überhaupt kein NMN nachweisbar.
Wichtig für die Einordnung: Beide Untersuchungen sind Stichproben aus bestimmten Märkten und Zeitpunkten. Sie erlauben keine Aussage über ein einzelnes Produkt, das heute in Deutschland angeboten wird. Was sie zeigen, ist, dass die Frage berechtigt ist und dass sie sich nur analytisch beantworten lässt.
Was hat die unabhängige Untersuchung von 2024 gemessen?
Ein Team um Prof. Andrea Maier am Healthy Longevity Translational Research Programme der National University of Singapore hat 18 NMN-Produkte analysiert. Die Arbeit erschien 2024 in der Fachzeitschrift GeroScience. Gemessen wurde mit Hochleistungsflüssigchromatographie gekoppelt an Triple-Quadrupol-Massenspektrometrie, kurz HPLC-QqQ-MS.
Der gemessene NMN-Gehalt reichte von nicht nachweisbar bis 99,2 Prozent der Probenmasse. Verglichen mit der Angabe auf der Packung lagen die Abweichungen zwischen minus 100 Prozent und plus 11,2 Prozent.
Der Punkt, der dabei leicht untergeht: Die Spannweite ist fast vollständig einseitig. Nach unten reicht sie bis zum vollständigen Ausfall, nach oben nur um gut zehn Prozent.
Hinweis zu einer verbreiteten Fehlangabe: In Zusammenfassungen dieser Arbeit kursiert für NMN eine Abweichung von bis zu plus 28 Prozent. Dieser Wert gehört zu Urolithin A, dem zweiten in derselben Studie untersuchten Stoff, dort mit minus 15,5 bis plus 28,6 Prozent. Für NMN gilt minus 100 bis plus 11,2 Prozent.
Was fand die Marktstichprobe von 2021?
Bereits 2021 wurden 22 NMN-Marken mit dem damals höchsten Marktanteil auf einem großen Online-Marktplatz untersucht, per Hochleistungsflüssigchromatographie mit UV-Vis-Detektor. Die Verteilung sah so aus:
| Befund | Anteil | Produkte |
|---|---|---|
| auf oder über der Deklaration | 14 % | 3 von 22 |
| knapp darunter, 88 bis 99 % | 23 % | 5 von 22 |
| unter der Bestimmungsgrenze, also weniger als 1 % des deklarierten NMN | 64 % | 14 von 22 |
| darin enthalten: kein NMN nachweisbar | 14 % | 3 von 22 |
Die Produkte ohne jeden Nachweis sind eine Teilmenge derer, die unter der Bestimmungsgrenze lagen. Zusammengenommen erreichten 37 Prozent der Stichprobe die Deklaration oder kamen ihr nahe.
Zur Einordnung gehört die Herkunft der Zahlen. Diese Untersuchung stammt nicht von einer unabhängigen Stelle, sondern von einem Unternehmen, das selbst eine konkurrierende NAD⁺-Vorstufe vermarktet. Das entwertet die Messwerte nicht, verlangt aber dieselbe Vorsicht, die auch für herstellerfinanzierte Studien zugunsten eines Rohstoffs angebracht ist. Die unabhängige Arbeit von 2024 kommt in der Tendenz zum gleichen Bild und ist die belastbarere Quelle.
Wie kann ein Produkt ganz ohne NMN in den Handel kommen?
Die Stichprobe von 2021 liefert dazu zwei Beobachtungen.
In einem Produkt wurde statt NMN eine große Menge Nicotinamid gefunden, über 200 Milligramm pro Portion, während alle anderen Proben unter einem Milligramm lagen. Nicotinamid ist eine Form von Vitamin B3, chemisch verwandt, deutlich günstiger und mit bloßem Auge nicht von NMN zu unterscheiden.
Zehn der 22 Produkte trugen denselben Distributor auf der Verpackung, bei ähnlichen Verpackungskomponenten, ähnlichem Chargencode-Format und ähnlichem Etikettendesign. Alle zehn lagen unter der Bestimmungsgrenze oder ohne Nachweis, und ihre Chromatogramme ähnelten einander bis hin zu einem auffälligen, nicht zugeordneten Signal. Zehn Markennamen, dem Befund nach ein Produkt.
Warum helfen Bewertungen und Zertifikatsbilder hier nicht weiter?
Weil beide nichts messen. Produkte, in denen kein NMN nachweisbar war, hatten teils hunderte positive Bewertungen. Ein Pulver, das sich gut auflöst und neutral schmeckt, erzeugt zufriedene Rückmeldungen unabhängig davon, was darin ist.
Für Analysezertifikate gilt das in schärferer Form. Ein abgebildetes Zertifikat auf einer Produktseite ist zunächst ein Bild. Es sagt nichts darüber, ob es zu der Charge gehört, die im Paket liegt.
Woran erkenne ich einen Nachweis, den man nachprüfen kann?
Ein Nachweis ist dann etwas wert, wenn ein Dritter ihn nachrechnen kann. Vier Angaben entscheiden darüber:
- Chargennummer, die mit dem Aufdruck auf der Packung übereinstimmt.
- Name und Ort des Prüflabors samt Akkreditierung, damit die Angabe überhaupt nachfragbar ist.
- Benannte Methode, also womit gemessen wurde.
- Prüfdatum, weil NMN Feuchtigkeit anzieht und sich unter Wärme verändert.
Die vollständige Prüfliste mit allen Qualitätskriterien steht im Beitrag NMN-Qualität erkennen.
Weiterführend: Wie ein solcher Nachweis in der Praxis aussieht, lässt sich beim NMN-Pulver von LIFETIME nachvollziehen. Dort ist der chargenbezogene Prüfbericht mit Labor, Methode und Chargennummer öffentlich einsehbar.
Was heißt das für den deutschen Markt?
Beide Untersuchungen stammen nicht aus Deutschland. Übertragbar ist daraus kein Prozentsatz, sondern die Vorgehensweise: Ohne chargenbezogene Analytik bleibt der Gehalt eines NMN-Pulvers eine Behauptung.
Davon unabhängig gilt in der EU eine zweite Frage, die mit der Analytik nichts zu tun hat. NMN ist als neuartiges Lebensmittel eingestuft und als Lebensmittel nicht zugelassen. Was das konkret bedeutet, erklärt der Beitrag Ist NMN in Deutschland legal?
Das Wichtigste in Kürze
- Frag nach einer Messung, nicht nach einer Zusage. Der Gehalt eines Pulvers ist analytisch bestimmbar, alles andere ist Text auf einer Verpackung.
- Prüfe, ob die Chargennummer im Prüfbericht mit der auf der Packung übereinstimmt. Ein allgemeines Musterzertifikat leistet das nicht.
- Achte darauf, ob Prüflabor und Methode benannt sind. Fehlen beide, ist der Bericht nicht nachprüfbar.
- Werte Bewertungen nicht als Qualitätshinweis für den Gehalt. Produkte ohne nachweisbares NMN hatten teils hunderte gute Bewertungen.
- Achte bei jeder Marktzahl darauf, wer gemessen hat. Herstelleranalysen und unabhängige Arbeiten sind unterschiedlich zu gewichten.
Dieser Artikel hat informativen Charakter und gibt den Wissensstand zum 27. Juli 2026 wieder. Er stellt keine Rechtsberatung und keine gesundheitsbezogene Aussage im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 dar.
